Wie gelingt es, dass dein Kind motiviert zum Buch greift, statt sich zu verweigern? Der Schlüssel liegt oft in der Atmosphäre und der richtigen Herangehensweise. Dr. Martina Stotz ist Expertin für bindungs- und bedürfnisorientiertes Erziehen und Lernen. Die ehemalige Grundschullehrerin und promovierte Pädagogin mit Schwerpunkt Familienpsychologie verrät dir, wie du den Lesestart deines Erstlesers begleitest.

Porträt Erziehungsberaterin Dr. Martina Stotz

„Lesenlernen darf leicht sein!“, findet Dr. Martina Stotz und gibt hier Tipps, wie du es schaffst, trotz vollem Familienalltag mit deinem Kind entspannt lesen zu üben.

Sorge für einen gemütlichen Rahmen und schöne Leserituale

Wichtig ist es, zu Hause einen gemütlichen Rahmen zu schaffen. Hier hilft zum Beispiel eine schön eingerichtete Leseecke, wo man sich vielleicht auch zusammenkuscheln kann. Mit einem Sitzsack, einer Lichterkette, Kerzen, Kissen – alles, was du und dein Kind als wohlig empfindet. Die gemütliche Stimmung sorgt für ein Gefühl wie: „Jetzt machen wir uns es schön und verbringen eine gute Zeit miteinander“ statt „Die Verpflichtung ruft: Jetzt müssen wir uns noch hinsetzen und lesen“.

Verbinde das Lesen mit einem schönen Ritual, so dass ihr euch darauf freut. So fällt es euch leichter, das Lesen und Üben in euren Tagesablauf zu integrieren. Ihr könnt zum Beispiel immer einen Tee oder anderes leckeres Getränk dafür vorbereiten, setzt euch in eure Leseecke und macht das immer zu einer ähnlichen Uhrzeit am Tag, zum Beispiel bevor das Abendessen vorbereitet wird.

Achte auf deine eigene Gemütsverfassung

Eltern sollten in die Lesesituation entspannt hineingehen. In einem gestressten Zustand, bei dem man selbst noch zig To-Dos im Hinterkopf hat, das Kind auch noch zum gemeinsamen Lesen üben zu zwingen, ist kontraproduktiv. Die gestresste Stimmung überträgt sich auf das Kind und Lesen macht dann selten Spaß. An solchen Tagen ist weniger mehr. Dann lieber kürzer oder gar nicht lesen, als sich und das Kind durch 20 bis 30 Minuten Lesenlernen zu quälen.

Du kannst dein Nervensystem vor der Übungssituation auch selbst regulieren, indem du tief und ruhig durchatmest, kaltes Wasser trinkst oder eine Entspannungsübung machst. Dann gehst du mit einer ruhigen, gelassenen Stimmung in die Lesesituation.

Mutter und Sohn auf der Couch beim Vorlesen

Sorge für eine gemütliche, ruhige Stimmung. So wird Lesen üben zu einem schönen Ritual, das sogar die Bindung zwischen dir und deinem Kind stärkt.

Weniger ist manchmal mehr

Es ist besser zum Beispiel nur 5 oder 10 Minuten zu lesen und dafür täglich als das Kind ab und zu 20 Minuten oder länger zu „verdonnern“. Wenn man es dann trotzdem schafft, länger zu lesen umso besser. Setzt euch realistische Zeitziele, die sich ohne Ermüdung und Anstrengung konsequent in den Alltag integrieren lassen.

Wähle für das Lesen lernen und üben Momente, in denen die Bedürfnisse deines Kindes erfüllt sind

Hilfreich ist auch, Momente für das Lesen auszusuchen, in denen das Kind seine Bedürfnisse bereits erfüllt hat. Das Kind nicht noch kurz vor dem Einschlafen Lesen üben lassen, wenn es schon am Tag ganz viel geleistet hat, und müde ist, macht wenig Sinn. Dein Kind sollte ganz bedürfniserfüllt sein, sprich: es ist satt, hat seinen Bewegungsdrang ausgelebt, ist ausgeruht und hat Nähe bei den Eltern getankt.

Spiel und Spaß fördern den Leseerfolg

Spielerisch, mit Spaß und Leichtigkeit ans Lesen herangeführt werden, ist sehr wichtig. Die Motivation ist wirklich wichtiger als der Rest. Das wird oft unterschätzt. Die Lesemotivation steht über allem. Mit der Lesemotivation kommen die Lesefähigkeit, die Lesefertigkeit und auch das Leseverständnis hinterher ganz von alleine. Es geht weniger darum, stupide die Fertigkeit des Wörterentschlüsselns zu erlernen, als vielmehr um das Verständnis. Das Leseverständnis kann man üben, indem man zum Beispiel lustige Rückfragen oder Rätselfragen zum Text stellt, den Text gemeinsam reflektiert. Dein Kind kann sich auch selbst Fragen zum Gelesenen ausdenken, die du dann beantwortest.

Tochter und Vater laufen mit ausgebreiteten Armen im Wohnzimmer
Aufgeschlagenes Buch "Lesewald". Auf der Seite steht eine Mitmachaktion.

Geschichten, die Mitmach-Aktionen integrieren

Die Leselern-Büchern »Lesewald« kombinieren eine magische Geschichte mit ultrakurzen Selbstlese-Anteilen und optionalen Mitmachideen. Damit steht der Lese-Spaß im Vordergrund, nicht der Zwang lernen zu müssen und Überforderung. 

Lesenlernen mit Bewegung und allen Sinnen

Das Gelesene mit Bewegung zu verbinden, ist für das Textverständnis wahnsinnig hilfreich. Wenn dein Kind beispielsweise ein Gedicht lernt, kann es dazu passende Bewegungen machen. Oder ihr schließt ans Lesen einer Geschichte eine passende Bewegung an und spielt die Szene nach. Ich habe im Unterricht zum Beispiel auch mit Instrumenten gearbeitet. Wenn es in der Geschichte donnerte, durften die Kinder auf einer Trommel das Donnern nachmachen. Je mehr Sinne beim Lesenlernen involviert sind, umso mehr verinnerlichen Kinder das Gelernte und es macht einfach mehr Spaß. Man kann den Lesestoff auch künstlerisch aufgreifen und dazu etwas malen oder basteln. Auch das verankert ein Thema stärker in der Lebenswelt und im Gedächtnis der Kinder.

Laut lesen

Es ist gut, wenn Kinder leise vor sich hin lesen. Besser noch ist es, wenn sie laut lesen. Lautlesen fördert nachweislich das Leseverständnis. Zu verstehen, was man liest, ist in der Schule (und im Leben) essenziell, nicht nur für das Fach Deutsch, sondern für alle Schulfächer.

Tipp der Redaktion:
Um es deinem Leseanfänger noch einfacher zu machen, könnt ihr gemeinsam im Tandem laut lesen. Erfahren mehr über das Lautlesetandem/ Tandemlesen.

Hörbuch zum Buch hören

Für die Lesefertigkeit und Leseverständnis ist es förderlich, wenn Kinder ein Buch lesen und parallel das dazugehörige, textidentische Hörbuch hören. Daneben ist an einem Hörbuch praktisch, dass es dich entlastet. Das Vorlesen übernimmt das Hörbuch, wenn du keine Zeit dafür hast oder nicht in der richtigen Stimmung bist. Dein Kind kann dann trotzdem das Lesen üben und wird dabei durch das Hören des Hörbuches unterstützt.

Emotionaler Bezug und Lebenswelt für besseres Lernen

Je mehr eine Geschichte in die Lebenswelt eines Kindes passt oder damit verbunden wird, umso besser lernen sie und könne es abspeichern, da ein emotionaler Bezug entsteht. Daher empfehle ich Eltern und Lehrkräften in die Bücherei zu gehen und sich Themenkisten abzuholen. Manche Bibliotheken bieten da ganz coole Sachen an, die neben Büchern auch Hörspiele und Zusatzmaterialien bieten. Gibt es das nicht, stellt ihr euch die Themenkiste selbst zusammen. Fußballkiste, Pferdekiste, Umweltkiste etc. Wichtig ist: Dein Kind soll Lust auf das Thema haben. Denn für dein Kind, wie für uns alle gilt: Nur, wenn ich mich dafür interessiere, was im Buch steht, werde ich es auch gerne lesen.

Über Dr. Martina Stotz

Dr. Martina Stotz begleitet Eltern als Expertin für bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung weg vom Stress hin zu mehr Leichtigkeit im Familienalltag. Neben ihrer Beratungstätigkeit und Forschung im Bereich Familienpsychologie veröffentlicht die ehemalige Grundschullehrerin Erziehungsratgeber sowie Kinderbücher und bietet bindungs- und bedürfnisorientierte Online-Kurse für Eltern und Fachkräfte an. Daneben bildet sie an der Bindungs-Akademie Eltern- und Erziehungsberater:innen aus.

Mehr zu Martina findest du unter: www.mein-erziehungsratgeber.de

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FAQ zum Lesenlernen

Wann muss ein Kind lesen können?

Laut der Lerntherapeutin Norma Cleve sollten Kinder gegen Ende der 1. Klasse in der Lage sein, kurze, einfache ein- und zweisilbige Wörter (wie Ball, Mama, Auto) flüssig zu lesen. Der Leselernprozess ist individuell und dauert meist bis zu zwei Jahre, wobei die Grundlagen im 1. bis 3. Schuljahr (6 – 8 Jahre) gefestigt werden.

Im Interview mit Norma Cleve erfährst du mehr zum Prozesse des Leselernens.

Wie lange sollten Kinder täglich lesen üben?

Laut Dr. Martina Stotz, Erziehungsberaterin und ehemalige Grundschullehrerin ist es besser täglich 5–10 Minuten als sporadisch 20–30 Minuten am Stück lesen zu üben. Kurze, regelmäßige Einheiten lassen sich leichter in den Alltag integrieren und überfordern weder Kind noch Eltern. Wenn es an einem Tag länger klappt, umso besser. Wichtiger als die Dauer ist die Regelmäßigkeit.

Wie motiviere ich mein Kind zum Lesen?

Lesen darf kein Zwang sein, sondern soll Spaß machen. Dann kommt die Lesemotivation von allein. Hierbei hilft: Wählt Bücher zu Themen, die dein Kind interessieren. Übt zu einem Zeitpunkt, an dem es ausgeruht und satt ist. Schafft einen gemütlichen Rahmen mit einem festen Ritual – zum Beispiel eine Leseecke und ein Lieblingsgetränk. Wenn dein Kind während des Lesens Bewegungsdrang hat oder Fragen stellt, lasse das zu. Schau dir mehr Ideen zur Förderungen der Lesemotivation an.

Welche Bücher eignen sich für Leseanfänger?

Geeignete Erstlesebücher kombinieren eine spannende Geschichte mit kurzen, machbaren Leseanteilen. So bleibt die Motivation hoch, ohne das Kind zu überfordern. Die Leselernbuchreihe »Lesewald« ist genau dafür konzipiert: Kinder lesen immer nur ein einzelnes Wort, haben dann eine Pause und können optional Mitmachideen ausprobieren.

Schau dir die Übersicht zu Bücher zum Lesenlernen an, die es am Buchmarkt gibt.

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Bildnachweis:

  • Foto von Dr. Martina Stotz: privat
  • Foto Bewegungsspiel im Wohnzimmer: generiert mit Gemini, bearbeitet in Canva (Alexandra Wagner)
  • Foto Lesewald-Buch Innenseite: Alexandra Wagner