Dein Kind blockt ab, sobald es ans Lesen üben geht, und du spürst, wie dein eigener Stresspegel steigt? Du fragst dich: Kann das auch anders gehen? Ja!

Die Expertin Dr. Martina Stotz verrät im Interview, wie du Stressfaktoren vermeidest, warum Entspannung der Schlüssel zum Erfolg ist und wie du dein Kind liebevoll motivierst, ohne Druck aufzubauen.

Das Wichtigste aus dem Interview im Überblick

 

  • Situationen, in denen Eltern in die „Lehrerrolle“ schlüpfen sind immer schwierig. Daher: Wenn das Lesen üben regelmäßig in Streit eskaliert, besser an eine andere Person abgeben.
  • Als Eltern selbst auf eine entspannte Stimmung achten, denn die Stimmung überträgt sich auf das Kind.
  • Hinter einer Verweigerungshaltung können stecken: Überforderung, Scham, Unlust, LRS oder andere Störungen, Unterforderung.
  • Lesestoff wählen, der zu deinem Kind passt: thematisch und vom Lesekönnen her.
  • Lesemotivation steht über allem. Lesefertigkeit und Verständnis folgen dann automatisch.
  • Spaß am Lesenlernen fördern durch: positive Grundstimmung, schöne Rituale, Bewegung und spielerische Interkationen, Einbeziehung möglichst vieler Sinne.

Lesen zu lernen und zu üben ist wichtig. Gleichzeitig bedeutet es manchmal für Familien auch Stress und Konflikte. Woran liegt das?

Dr. Martina Stotz: Grundsätzlich ist es meistens schwierig, mit dem eigenen Kind zu lernen. Das gilt auch für das Lesenlernen. Die Herausforderung entsteht dabei oft aus zwei Gründen: Zum einen möchten sich Kinder in diesem Alter oft von ihren Eltern abgrenzen. Wenn Eltern dann in die „Lehrerrolle“ schlüpfen, können das Kinder nur schwer akzeptieren. Sie hören meist lieber auf ihre Lehrkraft.

Daher empfehle ich, das Lernen an eine andere Person abzugeben, wenn dabei zuhause ständig Widerstand und Frust herrschen. Ein weiterer Faktor für Konflikte ist der eigene Stress: Wenn Eltern beim Lesen üben selbst angespannt sind, überträgt sich das sofort auf das Kind. Daher ist es wichtig, dass die Eltern selbst entspannt und ausgeruht sind, wenn sie mit ihrem Kind das Lesen üben.

Du und dein Kind geratet aneinander beim Thema Lesenlernen? So reduzierst du Stress und schaffst eine entspannte Lernsituation

Pädagogin, Elternberaterin und ehemalige Grundschullehrerein Dr. Martina Stotz empfiehlt gegen Stress beim Lernen mit dem Kind…

Reguliere dein eigenes Nervensystem, indem du vor der Lernsituation:

  • Entspannungsübungen machst.
  • Ein paar Mal tief durchatmest. Das symbolisiert deinem Körper Sicherheit.
  • Ein Glas kaltes Wasser trinkst. Der Kältereiz regt dein Kreislauf an und sorgt für ein Gefühl von Frische und mentaler Klarheit. So kommst du in eine gelassene, ruhige Stimmung.

 

Deine entspannte Stimmung überträgt sich auf dein Kind. Somit schaffst du die Basis für eine positive Leselernsituation.

Können auch Versagensängste oder ähnliches hinter einer Verweigerungshaltung des Kindes stecken?

Ja, total. Immer wenn ein Kind nicht lernen oder lesen möchte, ist die Frage, was dahintersteckt. Das kann ganz unterschiedlich sein. Es gibt Sonderfälle. Manche Kinder verweigern Lesen und Lernen, wenn sie sich unterfordert fühlen. Andere Kinder haben eine Lese-Rechtschreibschwäche oder andere Störungen. Hier braucht es Unterstützung von Fachkräften. Im Regelfall stecken aber andere Gründe hinter einer Verweigerungshaltung.

Überforderung

Häufig ist das Kind vom Lesestoff überfordert und kann eventuell die dafür nötigen Techniken noch nicht. Es ist sehr wichtig, dass der Lesestoff zum aktuellen Leseniveau des Kindes passt, um es nicht zu überfordern. Überforderung kann schnell demotivieren.

Scham

Manchmal spielt auch Scham eine Rolle. Hier kommt es auf die Beziehung zwischen Kind und Eltern an. Es kann sein, dass sich ein Kind für das eigenen Können oder vermeintliche Unvermögen schämt und deswegen nicht lesen möchte. Hier dürfen Eltern genauer auf ihr eigenes Verhalten achten und reflektieren, ob sie ihr Kind in der Übungssituation vielleicht unbewusst beschämen, unter Druck setzen oder ihm Vorwürfe machen durch Sätze wie zum Beispiel: „Das solltest du jetzt aber schon können.“ „Merk dir doch das mal endlich.“ „Jetzt streng dich doch mal an.“

Unlust

Oft sträuben sich Kinder dagegen, Lesen zu üben, aus Unlust, etwas zu machen, was ihnen nicht leichtfällt. Eltern dürfen dafür sorgen, dass ihren Kindern das Lesen leichtfällt und das Bedürfnis nach Spiel und Spaß erfüllt ist. Dann stehen die Chancen gut, dass das Kind mit mehr Freude ans Lesen rangeht.

Ist es also sinnvoll, das Lesen üben mit Spiel und Spaß zu verbinden?

Auf jeden Fall. Es geht immer um eine positive Grundstimmung beim Lesen. Wichtig ist, dass die Kinder beim Lesen lachen. Es geht weniger darum, stupide irgendwelche Sätze zu lesen. Daher ist es auch schöner für Kinder, wenn sie mit Büchern statt mit Arbeitsblättern üben. Mit Leselernspielen macht Kindern das Üben dann noch mehr Spaß. Sinnvoll ist auch, Geschichten oder Gedichte mit Bewegungen zu verbinden und möglichst viele Sinne einzubeziehen.

Treppenwörter aus Leselernbuch »Lesewald« vor grünem Hintergrund, Buch »Lesewald, Der Zauber erwacht« daneben

Mehr Selbstvertrauen beim Lesen lernen

Die Leselernbuch-Reihe »Lesewald« führt Leseanfänger durch Treppenwörter sanft ans Lesen heran, ohne zu überfordern. Magische Geschichten, liebevolle Illustrationen und Bewegungs- und Interaktionsideen passend zur Geschichte sorgen für Spaß, beziehen viele Sinne ein und sorgen für eine harmonische Stimmung und Eltern-Kind-Bindung.

Was hältst du von Hörbüchern?

Hörbücher, vor allem textidentische, sind für viele Kinder sehr hilfreich. Sie schlagen eine gute Brücke, weil Kinder hören, was sie gerade lesen. Deswegen gibt es zu meinen Kinderbüchern auch Hörbuchausgaben. Ideal ist es, wenn Kinder mit einem Hörbuch laut mitlesen. Das fördert nicht nur die Lesefertigkeit. Laut zu lesen, schult auch das Leseverständnis, das essenziell für alle Schulfächer ist.

Du bist Geschwisterexpertin. Gibt es denn beim Lesenlernen etwas zu beachten, wenn Geschwisterkinder da sind?

Es passiert manchmal, dass das jüngere Kind schon lesen kann, während das Ältere sich schwertut. Wenn das der Fall ist, ist es ganz wichtig, die Stärken des älteren Kindes hervorzuheben, damit die Hierarchie beachtet wird. Ansonsten fühlt sich das ältere Kind von der schnellen Entwicklung des jüngeren Geschwisters bedroht. Ich habe in der Elternberatung eine Familie, da ist es so. Das jüngere Kind ist in der ersten Klasse und konnte zur Einschulung bereits lesen. Das ältere Kind ist in der zweiten Klasse, tut sich noch schwer damit und fühlt sich total vom Jüngeren eingeholt. Das schürt natürlich Rivalität. Hier ist wichtig, dass das Lesen üben separat voneinander zu machen, damit die Kinder nicht im direkten Vergleich stehen. Zudem dürfen Eltern in einer solchen Situation die Stärken des Älteren hervorheben.

Vermutlich wünschen sich viele Eltern, dass ältere Geschwister den jüngeren vorlesen. Das würde ich nicht unbedingt erzwingen, sondern nur zulassen, wenn das Ältere das freiwillig will. Es soll ohne elterlichen Druck passieren und nur, wenn beide Geschwister es möchten und Spaß daran haben. Für die Jüngeren kann es auch anstrengend sein, dem älteren Geschwister zuzuhören, wenn dieses vielleicht noch nicht so gut liest.

Liebe Martina, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Über Dr. Martina Stotz:

Dr. Martina Stotz begleitet Eltern als Expertin für bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung weg vom Stress hin zu mehr Leichtigkeit im Familienalltag. Neben ihrer Beratungstätigkeit und Forschung im Bereich Familienpsychologie veröffentlicht die ehemalige Grundschullehrerin Erziehungsratgeber sowie Kinderbücher und bietet bindungs- und bedürfnisorientierte Online-Kurse für Eltern und Fachkräfte an. Daneben bildet sie an der Bindungs-Akademie Eltern- und Erziehungsberater:innen aus.

Mehr zu Martina findest du unter: www.mein-erziehungsratgeber.de

Quellen & Bildnachweis:

Bilder: Martina Stotz, Illustrationen: Manuela Buske